Henry-001
13th May 2003, 23:40
berichtet in seiner heutigen Ausgabe über die französischen Musiker - darunter auch Milene Farmer und ihr Zögling Alizée.
Ich habe den Artikel mal eingescannt, falls dem einen oder anderen der Spiegel suspekt sein sollte:
Fabelhafte Wiederkehr
Mit elektronischer Musik und coolen neuen Klängen haben sich französische Bands und Produzenten in der internationalen Popwelt etabliert. Nun lebt auch die Tradition des Chansons wieder auf - dank neuer Stars wie Carla Bruni und Benjamin Biolay.
Sie haben tolle Landschaften und schöne Frauen, das beste Essen und die besten Weine der Welt, da sei es doch tröstlich, dass die Franzosen wenigstens in einer Hinsicht zuverlässig nur Katastrophales zu Stande brächten - so schrieb gerade erst die US-Zeitschrift „New Yorker": Französische Popmusik sei „eines der hartnäckigsten europäischen Fiaskos".
Ob es an den aktuellen amerikanischfranzösischen Spannungen liegt, dass da ein altes Vorurteil aufgewärmt wurde? Unter jungen Musikfans diesseits und jenseits des Atlantiks jedenfalls ist abso-lut unbestritten, dass französische Musi-ker seit ein paar Jahren zu den weltweit wichtigsten Pop-Erneuerern gehören: Bands wie Daft Punk und Air gelten im Elektropop-Genre als stilbildend, Pariser Soundbastler wie Bertrand Burgalat oder der Produzent Mirwais sind global bes-tens im Geschäft: Mir-wais durfte gerade für die US-Sängerin Madonna an den meisten Songs ihres neuen Album „A-merican Life" feilen.
Neu aber ist, dass auch die Helden des französische Chansons plötzlich wieder außerhalb des Landes Anerkennung finden. So hat der Instrumentalist Yann Tier-sen mit der Filmmusik zum Er-folgswerk „Die fabelhafte Welt der Amelie" allein in Deutschland rund 200000 CDs verkauft, auch die junge Sängerin Alizee schaffte es mit dem Hit „Moi ... Lolita" in die Bestsellerlisten und lässt die Manager ihrer Plattenfirma Polydor nun für ihr neues Album „Mes courants electriques ..." auf eine Riesenauflage hoffen.
18 Jahre ist die Korsin Alizee, und über die Eigenheiten französischer Pop-musik philosophiert sie im Interview: „Es gibt schon etwas wie einen französi-schen Stil. Den kann ich erkennen, aber leider nicht erklären." Dazu lächelt sie sehr hübsch.
Dass französische Popmusik derzeit in Italien oder Deutschland als cool gilt und auch die alten Hits von Stars wie Fran-9oise Hardy oder Serge Gainsbourg auf Samplern neu aufgelegt werden, liegt aber an ungleich ernsthafteren Erneuerern des Chansons wie Benjamin Biolay. Der so-Jährige stammt aus einer Musi-kerfamilie und wuchs in der französischen Provinz auf; soeben hat er sein zweites Album „Negatif" voller verwe-gen melancholischer Songs herausge-bracht und ist in Frankreich, auch dank seiner Ehe mit der Catherine-Deneuve-Tochter Chiara Mastroianni, derzeit ungeheuer populär.
Der vielleicht überraschendste Coup im französischen Popgeschäft der letzten Jahre gelang der Wahl-französin Carla Bruni mit ihrem Debütalbum „Quelqu'un m'a dit". Die 34-jährige Italienerin zählte viele Jahre lang zu den Supermodels und hatte angeblich Liebeleien mit Donald Trump, Mick Jagger und Eric Clapton. Auf ihrer CD, die im Juni auch in Deutschland herauskommt, singt die schöne Industriellentochter zur Gitarre mit wunderbar rauchiger Stimme überwiegend selbst geschriebene Lieder über die Liebe und das Leben - ein zarter Triumph ganz in der großen Tradition des Chansons.
Auch ihm falle es schwer zu erklären, was wirklich neu sei am „Nouvelle Chanson Francaise", wie manche Kritiker seine Musik £ und die von Kollegen wie Jeröme | Miniere nennen, sagt Benjamin \ Biolay. Er gilt als eine Art Spre- | eher der Bewegung. Ganz sicher 5 ist er ihr Glamourboy: Die Zigarette im Mundwinkel, die Augen immer ein wenig von dunklen Furchen umschattet, das Haar hübsch verstrubbelt, so wandert er auf Plattencovern am Meeresstrand entlang und so gibt er, während er in der Halle des Pariser No-belhotels Lutetia an einem Orangensaft nippt, Auskunft über Vorzüge und Nachteile seines Erfolgs.
Vorbildlich bescheiden und sehr leise spricht er von den Mängeln seiner Stimme, die es ihm leider nicht ermögli-che, wirklich laut zu singen, weshalb er sich vor Konzertauftritten in Riesenhal-len immer noch ein wenig fürchte. Und mit schöner Leidenschaft schwärmt er von der Weitläufigkeit der modernen französischen Popmusik: „Ich liebe Amerika", sagt er zum Beispiel, „weil es dort sehr intelligente, wunderschöne Musik gibt, der ich viel verdanke - und natürlich auch viele intelligente Musiker, die den amerikanischen Präsidenten George W. Bush heftig ablehnen."
Im Übrigen behauptet Biolay, er inte-ressiere sich nicht für Weltpolitik. Sein Fach ist der Weltschmerz: Seine Songs mühen sich, die ebenso hoffnungsvolle wie vcr-letztliche Stimmung zur Zeit der Mor-gendämmerung wiederzugeben und die Verzweiflung einsamer Nächte, und im allerersten Spng seines neuen Albums findet sich der Lehrsatz: „Die Menschen sind alle Arschlöcher." - Schon kurios, dass die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ihn ausgerechnet für das derart garstig anklingende „Negatif" als Vor-sänger einer „neuen Bürgerlichkeit" preist.
Er selbst finde ja, das Wort Chanson rieche „nach kaltem Rauch und alten Schuhen", sagt der Sänger. Obwohl er nebenher Songs für alte Chanson-Helden wie Henri Salvador, Juliette Greco und die Hardy schreibe, bevorzuge er für seine Musik doch den Begriff Pop. Seine Fans ignorieren solche Finessen allerdings ebenso beharrlich wie seine Abneigung gegen Vergleiche mit dem großen toten Absturzhelden Serge Gainsbourg. Die Duette, die Bio-lay etwa mit Gattin Chiara (im Song „Je ne t'ai pas aime") vorträgt, erinnern nun mal an Gainsbourgs legendäres „Je t'aime"-Ge-turtel mit Jane Birkin.
Zum neuen französischen Popwunder hat nach Meinung einiger Fachleute der Staat durchaus beigetragen. Dank einer verbindlichen Radioquote, die beim Abspielen von Popsongs im Äther einen deutlichen Anteil an heimischen Produktionen vorschreibt, kann die Branche verlässlich auf Kunden hoffen.
Auf einen Durchbruch in Deutschland hofft nun auch Mylene Farmer, die im eigenen Land als Skandalkünstlerin für Krawall sorgt und in Deutschland eine Zusammenstellung ihrer größten Hits unter dem Titel „Les mots" präsentiert. „Porno Chic" nannte das Magazin „Paris Match" die Sex-Inszenierungen der Sängerin in Videoclips, die sie mitunter von Hollywood-Regisseuren wie Luc Besson oder Abel Fer-rara inszenieren lässt. Mal liegt sie da nackt in einer Blutlache in der Kirche, mal lässt sie sich knapp bekleidet an eine Dampflok fesseln. Elton John schwärmt von der Auflagenmillionärin Farmer: „She's so french!"
Nebenher ist Farmer die Produzentin und Mitentdeckerin der singenden Kindfrau Alizee, die sie wohl zu deren gleichfalls dreisten Sex-Koketterien angeregt hat: in Frankreich kein großer Aufreger, seit Maurice Chevalier vor knapp einem halben Jahrhundert sang: „Thank Heaven for Little Girls".
Für den Fall, dass die Tage doch bald wiederkehren, in denen Popmusik made in France als Geschmacksverirrung der ganz unangenehmen Art gilt, lernt die kleine Alizee übrigens neuerdings fleißig Englisch - schließlich, sagt sie, „habe ich jetzt international schon mal einen Fuß in
der Tür".
Autor: CHRISTOPH DALLACH
Ich finde den Artikel durchaus ermutigend. Was meint Ihr dazu?
Ich habe den Artikel mal eingescannt, falls dem einen oder anderen der Spiegel suspekt sein sollte:
Fabelhafte Wiederkehr
Mit elektronischer Musik und coolen neuen Klängen haben sich französische Bands und Produzenten in der internationalen Popwelt etabliert. Nun lebt auch die Tradition des Chansons wieder auf - dank neuer Stars wie Carla Bruni und Benjamin Biolay.
Sie haben tolle Landschaften und schöne Frauen, das beste Essen und die besten Weine der Welt, da sei es doch tröstlich, dass die Franzosen wenigstens in einer Hinsicht zuverlässig nur Katastrophales zu Stande brächten - so schrieb gerade erst die US-Zeitschrift „New Yorker": Französische Popmusik sei „eines der hartnäckigsten europäischen Fiaskos".
Ob es an den aktuellen amerikanischfranzösischen Spannungen liegt, dass da ein altes Vorurteil aufgewärmt wurde? Unter jungen Musikfans diesseits und jenseits des Atlantiks jedenfalls ist abso-lut unbestritten, dass französische Musi-ker seit ein paar Jahren zu den weltweit wichtigsten Pop-Erneuerern gehören: Bands wie Daft Punk und Air gelten im Elektropop-Genre als stilbildend, Pariser Soundbastler wie Bertrand Burgalat oder der Produzent Mirwais sind global bes-tens im Geschäft: Mir-wais durfte gerade für die US-Sängerin Madonna an den meisten Songs ihres neuen Album „A-merican Life" feilen.
Neu aber ist, dass auch die Helden des französische Chansons plötzlich wieder außerhalb des Landes Anerkennung finden. So hat der Instrumentalist Yann Tier-sen mit der Filmmusik zum Er-folgswerk „Die fabelhafte Welt der Amelie" allein in Deutschland rund 200000 CDs verkauft, auch die junge Sängerin Alizee schaffte es mit dem Hit „Moi ... Lolita" in die Bestsellerlisten und lässt die Manager ihrer Plattenfirma Polydor nun für ihr neues Album „Mes courants electriques ..." auf eine Riesenauflage hoffen.
18 Jahre ist die Korsin Alizee, und über die Eigenheiten französischer Pop-musik philosophiert sie im Interview: „Es gibt schon etwas wie einen französi-schen Stil. Den kann ich erkennen, aber leider nicht erklären." Dazu lächelt sie sehr hübsch.
Dass französische Popmusik derzeit in Italien oder Deutschland als cool gilt und auch die alten Hits von Stars wie Fran-9oise Hardy oder Serge Gainsbourg auf Samplern neu aufgelegt werden, liegt aber an ungleich ernsthafteren Erneuerern des Chansons wie Benjamin Biolay. Der so-Jährige stammt aus einer Musi-kerfamilie und wuchs in der französischen Provinz auf; soeben hat er sein zweites Album „Negatif" voller verwe-gen melancholischer Songs herausge-bracht und ist in Frankreich, auch dank seiner Ehe mit der Catherine-Deneuve-Tochter Chiara Mastroianni, derzeit ungeheuer populär.
Der vielleicht überraschendste Coup im französischen Popgeschäft der letzten Jahre gelang der Wahl-französin Carla Bruni mit ihrem Debütalbum „Quelqu'un m'a dit". Die 34-jährige Italienerin zählte viele Jahre lang zu den Supermodels und hatte angeblich Liebeleien mit Donald Trump, Mick Jagger und Eric Clapton. Auf ihrer CD, die im Juni auch in Deutschland herauskommt, singt die schöne Industriellentochter zur Gitarre mit wunderbar rauchiger Stimme überwiegend selbst geschriebene Lieder über die Liebe und das Leben - ein zarter Triumph ganz in der großen Tradition des Chansons.
Auch ihm falle es schwer zu erklären, was wirklich neu sei am „Nouvelle Chanson Francaise", wie manche Kritiker seine Musik £ und die von Kollegen wie Jeröme | Miniere nennen, sagt Benjamin \ Biolay. Er gilt als eine Art Spre- | eher der Bewegung. Ganz sicher 5 ist er ihr Glamourboy: Die Zigarette im Mundwinkel, die Augen immer ein wenig von dunklen Furchen umschattet, das Haar hübsch verstrubbelt, so wandert er auf Plattencovern am Meeresstrand entlang und so gibt er, während er in der Halle des Pariser No-belhotels Lutetia an einem Orangensaft nippt, Auskunft über Vorzüge und Nachteile seines Erfolgs.
Vorbildlich bescheiden und sehr leise spricht er von den Mängeln seiner Stimme, die es ihm leider nicht ermögli-che, wirklich laut zu singen, weshalb er sich vor Konzertauftritten in Riesenhal-len immer noch ein wenig fürchte. Und mit schöner Leidenschaft schwärmt er von der Weitläufigkeit der modernen französischen Popmusik: „Ich liebe Amerika", sagt er zum Beispiel, „weil es dort sehr intelligente, wunderschöne Musik gibt, der ich viel verdanke - und natürlich auch viele intelligente Musiker, die den amerikanischen Präsidenten George W. Bush heftig ablehnen."
Im Übrigen behauptet Biolay, er inte-ressiere sich nicht für Weltpolitik. Sein Fach ist der Weltschmerz: Seine Songs mühen sich, die ebenso hoffnungsvolle wie vcr-letztliche Stimmung zur Zeit der Mor-gendämmerung wiederzugeben und die Verzweiflung einsamer Nächte, und im allerersten Spng seines neuen Albums findet sich der Lehrsatz: „Die Menschen sind alle Arschlöcher." - Schon kurios, dass die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ihn ausgerechnet für das derart garstig anklingende „Negatif" als Vor-sänger einer „neuen Bürgerlichkeit" preist.
Er selbst finde ja, das Wort Chanson rieche „nach kaltem Rauch und alten Schuhen", sagt der Sänger. Obwohl er nebenher Songs für alte Chanson-Helden wie Henri Salvador, Juliette Greco und die Hardy schreibe, bevorzuge er für seine Musik doch den Begriff Pop. Seine Fans ignorieren solche Finessen allerdings ebenso beharrlich wie seine Abneigung gegen Vergleiche mit dem großen toten Absturzhelden Serge Gainsbourg. Die Duette, die Bio-lay etwa mit Gattin Chiara (im Song „Je ne t'ai pas aime") vorträgt, erinnern nun mal an Gainsbourgs legendäres „Je t'aime"-Ge-turtel mit Jane Birkin.
Zum neuen französischen Popwunder hat nach Meinung einiger Fachleute der Staat durchaus beigetragen. Dank einer verbindlichen Radioquote, die beim Abspielen von Popsongs im Äther einen deutlichen Anteil an heimischen Produktionen vorschreibt, kann die Branche verlässlich auf Kunden hoffen.
Auf einen Durchbruch in Deutschland hofft nun auch Mylene Farmer, die im eigenen Land als Skandalkünstlerin für Krawall sorgt und in Deutschland eine Zusammenstellung ihrer größten Hits unter dem Titel „Les mots" präsentiert. „Porno Chic" nannte das Magazin „Paris Match" die Sex-Inszenierungen der Sängerin in Videoclips, die sie mitunter von Hollywood-Regisseuren wie Luc Besson oder Abel Fer-rara inszenieren lässt. Mal liegt sie da nackt in einer Blutlache in der Kirche, mal lässt sie sich knapp bekleidet an eine Dampflok fesseln. Elton John schwärmt von der Auflagenmillionärin Farmer: „She's so french!"
Nebenher ist Farmer die Produzentin und Mitentdeckerin der singenden Kindfrau Alizee, die sie wohl zu deren gleichfalls dreisten Sex-Koketterien angeregt hat: in Frankreich kein großer Aufreger, seit Maurice Chevalier vor knapp einem halben Jahrhundert sang: „Thank Heaven for Little Girls".
Für den Fall, dass die Tage doch bald wiederkehren, in denen Popmusik made in France als Geschmacksverirrung der ganz unangenehmen Art gilt, lernt die kleine Alizee übrigens neuerdings fleißig Englisch - schließlich, sagt sie, „habe ich jetzt international schon mal einen Fuß in
der Tür".
Autor: CHRISTOPH DALLACH
Ich finde den Artikel durchaus ermutigend. Was meint Ihr dazu?